Der Autor Jens W. Hafner

Ein persönliches Nachwort zum Buch

 

An dem Buch "Die Philosophie des Rohen" schrieb ich 4 Jahre. Immer wieder schob das Leben Unterbrechungen ein. Entweder in Form eines Unfalls oder einfach nur durch die Tatsache, dass ich nebenbei arbeiten und Geld verdienen musste.

Vor einigen Wochen war ich zu Besuch bei meinen Eltern in Hohenlimburg. Wie ein Hund sein Revier abläuft, fuhr ich mit dem Wagen gemächlich durch all die Strassen, in denen ich als Kind vor rund 30 Jahren gelaufen, gerannt, geschlichen oder mit dem Rennrad entlanggestürmt war. Wer war das damals? Dieses Kind, an das ich mich einerseits noch so gut erinnern kann, als wäre vieles erst gestern passiert, dass mir aber andererseits so fremd vorkommt wie eine schattenhafte Gestalt aus einem schon halb vergessenen Roman. Dieses Kind damals gehörte noch zu jener Welt dort draussen, die mir heute so völlig verschlossen ist. Dieses Kind damals ass Cornflakes zum Frühstück und Spaghettis am Mittag und flätzte sich mit dicken Wurstbroten am Abend in den Fernsehsessel und schaute Sesamstrasse zusammen mit seiner Schwester.

Aus diesem schattenhaft erinnerten Kind wurde schliesslich ein Erwachsener, ein Mensch dieser Gesellschaft, der sein Leben lebte, der studierte, mehrmals umzog, Pläne schmiedete, der arbeitete, liebte, hasste, lachte und weinte und der schliesslich im März 1992 in Seibranz im Allgäu zum ersten Mal starb.

    Mein erster Tod.

    So war es für mich.

Und eine zweite Geburt: Die Begegnung mit Instincto führte zu einem Bruch in meinem Leben und veränderte mich selbst in einer Weise, die mir immer noch ein Rätsel ist. Ein Rätsel, das mich an so manchen Tagen vor Erschütterung den Atem anhalten lässt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich glaube,  alles was in den letzten Jahren passierte, ist nur ein mysteriöser Traum. Gleich wache ich auf, atme erleichtert durch, stehe auf, mache mir einen Kaffee und lebe mein Leben weiter von dem Punkt an, wo ich einschlief, von dem Punkt an, an dem ich glaubte, gestorben zu sein.

Das Seltsame ist, dass ich, je älter ich nun mit dieser instinktiven Rohkost werde, diese Möglichkeit, dass alles nur ein Traum ist, gar nicht mehr so unwahrscheinlich finde. Ich beginne zu begreifen, was die Schamanen meinen, wenn sie sagen, dass Wachen und Träumen nur Varianten eines durchgehenden grossen Traumes sind.

Die Frage, ob ich denn dieses alte Leben zurückhaben wolle, dieses Leben mit all den Freiheiten und Zugehörigkeiten, dieses Leben mitten im Traum der Gekochten Welt, diese Frage würde ich immer noch verneinen. Trotz aller Schwierigkeiten und trotz dem Gefühl, irgendwo in einem Leerraum zwischen zwei unvereinbaren Formen des Daseins unentschlossen hin- und herzupilgern, würde ich mein herkömmliches Leben nicht wieder zurück haben wollen.

Ich hätte Angst vor diesem dumpfen, vernebelten, irgendwie »glühenden« Körpergefühl. Angst vor der Unberechenbarkeit in meinem Innern.  Angst und Ekel vor dem, was ich an komischen Dingen in meinen Körper hineintun müsste, um wieder mit allem voll und ganz dazuzugehören. Das gekochte Essen in der Form, wie es üblich ist, ist für mich weiter weg als die Sterne. Zugegeben, dieser Vergleich hinkt ein wenig.

     Aber mit was lässt sich die innere Ferne bei Instincto überhaupt vergleichen?

Eigentlich bin ich ein ganz und gar »untypischer« Rohköstler. Weder habe ich eine besondere ökologische Gesinnung, noch eine besondere politische Meinung, noch einen szenetypischen Kleidungsstil. Auch Bioläden sind mir bis heute ein Greuel. In ihnen fühle ich mich genauso fremd und fehl am Platz wie in einer Parfümerie. Ebenso fehlt mir jeder innere Bezug zu Gartenarbeit und Landwirtschaft. Noch nie habe ich draussen Beete bestellt und Gemüse gepflanzt. Da ist in mir keine Zugkraft, kein Verlangen. Und dabei wäre doch genau dies das Geringste, was ich tun müsste, um meine Ideen zu leben. Immerhin halte ich Selbstversorgung Hand in Hand mit der Natur für ein hohes Gut. Aber ich selbst? Kein Impuls, kein Antrieb.

Ich bin von meinem Wesen her ein »verwöhntes Stadtkind«. Geprägt auf urbane Formen und Verhältnisse. Gross geworden in einer wiesenumsäumten Siedlung, zusammen mit vielen anderen Kindern. Gross geworden mit Radio, Fernsehen, Wählscheibentelefon, Schreibmaschine, Dorfladen und Schule bis zum Mittag.

Meine Eltern hatten schon recht früh eine Kleingartenparzelle in der Nähe gepachtet und meine Schwester und mich so manches Mal zur Mithilfe bei der Gartenarbeit, sagen wir mal - überredet. Ich mochte das alles nicht. Ich hasste diese Stachelbeeren. Ich hasste rohe Pflaumen. Ich hasste diese kleinen schwarzen Johannisbeeren. Rhabarber gefiel mir noch. Dessen Stängel roh in Zucker gestupst und abgebissen,  fand ich suchtmachend gut.  Nein, Garten und Ernährung haben in mir keine seelische Verbindung. Mein Essen wächst im Supermarkt. Eine sehr dumme Prägung. Vor allem, weil ich mit meiner heutigen Ernährungsweise im Supermarkt kaum noch was zu essen für mich finde. Aber tatsächlich fühle ich mich dort immer noch  wohler, als in einem Garten.

Vor zwanzig Jahren begleitete ich einmal meinen Freund Klaus B. auf seiner Reise zu einem sogenannten Rainbow-Treffen. In der Nähe von Wien versammelten sich am Rande eines Truppenübungsplatzes hunderte ehemaliger Hippies und andere recht wild und unkompliziert lebende Leute. Sie schliefen in einfachen Zelten oder auf Fellen direkt neben dem Feuer, tanzten und sangen bis spät in die Nacht und badeten nackt in Bächen und Schlammgruben. Drei Tage lang schaute ich mir voller Befremdung dieses Treiben an. Dann fuhr ich allein mit dem Zug zurück nach Seibranz. Nein, eine solche Naturnähe verkraftete ich nicht. Schon in der ersten Nacht regte ich mich erst über Klaus auf, als er jede Menge Sand mit ins Zelt schleppte, weil er sich nicht die Füsse abputzte, und dann regte ich mich über mich selbst auf, weil mich derartige Banalitäten aufregten. Nein, ein Naturbursche, der war ich wahrlich nicht. Mit Bio- und Ökoideen hatte ich nicht das Geringste am Hut. Mich interessierte mehr die Technik, die Wissenschaft und der Sport. Die "Natur", - das war für mich etwas zum Anschauen. Aber anfassen?

Ein Grossteil meiner Seele ist damals in Seibranz hängen geblieben. Mitgestorben. Sie weigerte sich einfach nachzukommen. Die Tatsache, dass ein Typ wie ich, die seltsamste, gefährlichste, abgefahrenste und am meisten von der Zivilisation entfernte Form der Rohkost praktiziert, ist eigentlich schon der Beweis, dass die Theorie dahinter stimmt. Wenn schon so ein Fastfood- und Konservenkind wie ich, sich von seinem Körper dahin bringen lässt, alles nur noch kalt und roh, wie ein Tier im Wald, zu essen, auch im Winter, dann muss an dieser Ernährung etwas wundersam Wahres und Tiefgründiges sein.

Darum schrieb ich dieses Buch. Um zu zeigen, dass es da draussen etwas gibt, was uns einen Spiegel vorhält. Hinter den Kulissen unserer Welt liegt eine andere Wirklichkeit. Die Dinge sind nicht so, wie sie zu glauben scheinen. Was uns ständig erzählt wird über Gesundheit, Krankheit, Ernährung und den Menschen überhaupt - es ist nicht so. Nicht so, wie wir es gerne hätten. Die Dinge sind anders. Mehr, als man es wagen würde anzunehmen. Ich bin der lebende Beweis dafür. Einer der Beweise. Der andere steckt in Ihnen selbst. Vielleicht finden Sie ihn.

Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen helfen kann, gesünder und aufmerksamer für sich selbst durchs Leben zu gehen. Damit wäre schon viel erreicht.

   J. W. Hafner,  März  2009