Nacktheit und Verhüllung.

(2. Buchteil/ Kapitel 5.5)

 

In dem Spielfilm »Instinkt« (USA, 1999), der die fiktive Geschichte des Gorillaforschers Dr. Ethan Powell (gespielt von Anthony Hopkins) erzählt, gibt es eine bemerkenswerte Stelle: Während seiner Feldarbeiten verzweifelt Powell daran, dass er einfach nicht den richtigen Zugang zum Vertrauen der von ihm beobachten Gorillafamilie findet. Plötzlich beginnt es in Strömen zu regnen. Powell greift sich ein in der Nähe liegendes grosses Blatt und hält es sich als Regenschutz über den Kopf um weiter beobachten zu können. Die Gorillas sitzen nur einige Meter weit von ihm entfernt. Sie scheinen den Regen kaum wahr zu nehmen. Mit einem Mal begreift Powell, was er zu tun hat: Lachend legt er das Blatt beiseite, breitet die Arme aus und gibt sich voller Inbrunst dem Regen hin – und gewinnt wie von selbst den Zugang zur Familie der Gorillas.
Powell hat in dieser Szene begriffen, dass die Gorillas ungeschützt sind, wohingegen er als Mensch, sich in der Natur stets in Form von Distanz und mit den Mitteln von Schutz aufhält. Das Ablegen des Blatt-Schirms als symbolischer Akt der Hingabe an die Natur ermöglicht nun eine Begegnung mit den Gorillas auf gleicher Ebene.

Der Mensch wird als ein Wesen ohne Hüllen geboren. Nackt. Je nach Zivilisationsgrad wird er in Folge nun zunehmend eingehüllt: Tücher. Decken. Kleidung. Räume. Und später auch: Fahrzeuge, Sonnenbrillen, Kopfbedeckungen und Hautcremes. Methoden des Menschen, sich vor der Welt zu verbergen, sich vor ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit zu schützen. Grundsätzlich gilt: Je höher der Grad der Zivilisiertheit, umso vielfältiger und bedeutsamer werden diese Verhüllungsgegenstände.
Auch auf der psychischen Ebene legen sich von Geburt an Hüllen um uns: Imitierte Bewegungsmuster. Nachgeahmte Sprache. Erworbene Denkstrukturen. Und später: Weltanschauungen. Meinungsgebilde. Sichtweisen.
Als ehemals nacktes Wesen, ereignen sich in uns und an uns vielgestaltige Verhüllungen.
Diese Hüllen werden unsere Heimat. Je höher der Grad der Zivilisiertheit, umso grösser die Anhänglichkeit an diese Hüllen. Und damit auch die Abhängigkeit von ihnen. Schliesslich repräsentieren die Hüllen in ihrer Gesamtheit den Menschen in seinem Unterschied zum Tier, dem unverhüllten Lebewesen.
Die Lebenswelt des zivilisierten Menschen lässt sich in sechs Hüllen gliedern (s. a. II/4.4):

1.    Hülle: Elektromagnetische Felder (globales EM-Netz)
2.    Hülle: Städte, Infrastruktur
3.    Hülle: Gebäude und Fahrzeuge
4.    Hülle: Kleidung
5.    Hülle: Körperpflegemittel (Creme, Deo, Parfums u.a.)
6.    Hülle: Bewusstseinstrukturen (Gedanken, Mind)

Als kultiviert lebender, moderner Mensch können wir etwas Bemerkenswertes tun: Wir können von unserer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit einem Fahrstuhl hinunter in die Tiefgarage fahren, in unser Auto steigen, quer durch die Stadt in die Tiefgarage eines Bürogebäudes fahren, dort per Fahrstuhl zu unserem Arbeitsplatz gelangen, Stunden hinter dem Computer in einem mit Neonlicht bestrahlten Raum verbringen, anschliessend wieder per Fahrstuhl zu unserem Auto und mit diesem dann in die Tiefgarage eines Einkaufszentrums fahren, dort Lebensmittel in Verpackungen kaufen, um dann schliesslich wiederholt über die Stationen Fahrstuhl, Tiefgarage, Auto, Tiefgarage und Fahrstuhl in die eigene Wohnung zu gelangen. Dort telefonieren wir dann, machen uns etwas zu essen, schauen fern, gehen schlafen.
Wir haben viel getan an diesem Tag. Waren viel unterwegs. Haben viel bewegt. Viel gesehen.
Aber wir waren nicht einmal draussen!
Wir haben nur Orte und Hüllen gewechselt. Aber wir waren zu keiner Zeit unverhüllt. Im Gegenteil: Wir hätten genauso gut auf dem Mars sein können. In diesem Fall wären die Hüllen einfach etwas dichter gewesen. Doch vom Prinzip her haben wir uns durch den Alltag bewegt wie ein Astronaut in einer lebensfeindlichen Umgebung.
Das eben genannte Beispiel ist trotz seiner Überspitztheit erschreckend alltagsnah. Ob Sommer, ob Winter – unser Leben findet überwiegend in Räumen statt. Und die eigene Bewegung verschwindet zugunsten eines passiven Bewegt-werdens (Verkehrsmittel). Der typische Stadtmensch ist, wenn überhaupt, pro Tag nur rund 1-2 Stunden unter freiem Himmel (Sport, Spaziergang, Erledigungswege). So betrachtet, steht die Bezeichnung »Höhlenmensch« viel mehr uns zivilisierten Menschen zu, als unseren steinzeitlichen Vorfahren, die ja weder Einkaufszentren noch Büros oder Autos hatten, um sich stundenlang zu verbergen.
Sprachgeschichtlich übrigens entstammen die heutigen Worte Höhle, Hülle und sogar Hölle (!) der altenglischen Bezeichnung helan (germanisch: heln): verstecken, verbergen, schützen.
Doch das »Versteckspiel« geht noch sehr viel weiter: Ebenso wie wir selbst, ist auch der Grossteil unserer Nahrung verhüllt. Und sie ist dies in zweierlei Hinsicht: real und symbolisch. Die Lebensmittel sind umschlossen mit bedrucktem Karton oder Cellophan, sowie etikettierten Gläsern oder Konservendosen.
Besonders interessant ist in diesem Fall das Etikett: Es verweist mit Bildern und Texten auf den Inhalt der jeweiligen Verpackung. Diese Verweise sind allerdings nur Symbole. Denn sie haben mit dem realen Inhalt nur annäherungsweise etwas zu tun. Ein Etikett appelliert an unsere Assoziationen von dem was für uns Essen ist. Die Farben und Bilder der Etiketten wecken in uns Erinnerungen an bestimmte Esserlebnisse und deren äussere Umstände. Spaghettis und Pizza lassen in uns Italien, den letzten Urlaub am Meer, ein romantisches Diner oder irgendein tolles Esserlebnis in unserer Kindheit lebendig werden.
Was immer die Verpackung in uns auch zum Schwingen bringt, es geschieht in der Regel unbewusst und im Bruchteil einer Sekunde. Besonders unsere Leibgerichte, Mahlzeiten also, die zu uns gehören wie unser Leib, sind in uns verbunden mit den Existenzialien Mutter, Heimat und Geborgenheit.
Unsere Assoziationen beim Anblick einer Verpackung sind sozusagen eine symbolische Hülle, die wir der realen Hülle noch zusätzlich überstreifen. Denn unsere Erinnerungen haben weder mit der Verpackung, noch dem Inhalt, noch dem, was dieser Inhalt in uns wirklich bewirkt, real etwas zu tun!
Provozierend könnte man sagen: Gekocht essen ist eine Art von träumen.
Die Ursache liegt in einer interessanten Musterverknüpfung in unserem Gehirn: Essen, Umweltwahrnehmungen und Gefühle werden als »Erlebnis Essen« kombiniert gespeichert. Ein Beispiel: Wir sitzen in einem Panorama-Bergrestaurant und geniessen die fantastische Aussicht über die in der Sonne leuchtenden Gipfelketten. Gleichzeitig trinken wir Kaffee, essen ein Stück Apfelkuchen mit Sahne. Alles schein perfekt zu sein. Das Licht. Die gute Luft. Wir saugen die angenehme Atmosphäre dieses herrlichen Tages mit allen Sinnen ein. Und koppeln sie unbewusst an das, was wir gerade essen. Anders gesagt: Wir einverleiben uns mit dem Essen die Umgebung. Oder um es mit dem Begriff der Verhüllung auszudrücken: Wir stülpen einer realen Mahlzeit eine assoziative Hülle über, die mit dem Essen an sich überhaupt nichts zu tun hat.
Wenn wir später wieder einen Apfelkuchen sehen, wird uns dieses Erlebnis im Bergrestaurant, zusammen mit ähnlich schönen Kuchen-Erinnerungen, bewusst oder unbewusst begleiten. Mehr noch: wenn es uns psychisch schlecht geht, zieht es uns unweigerlich zu einem Lebensmittel, welches uns an einverleibte, ehemals schöne Erlebnisse erinnert.
Essen zum Trost ist Träumen – bei einer gleichzeitig allerdings realen Belastung des eigenen, realen Körpers.

 

Wie sehr unser »Traum vom Essen« von der »Realität der Nahrungsaufnahme« abweicht, zeigt sich beim schrittweisen Enthüllen einer Konservendosen-Mahlzeit: Zuallererst begegnet uns das Bild auf dem Dosen-Etikett, welches angenehme Assoziationen in uns weckt (Erinnerungen an ehemalige ähnliche Mahlzeiten, sowie maskierte instinktive Regungen, Appetit genannt). Entfernen wir das Etikett (1. Enthüllung). Übrig bleibt eine nackte, plötzlich völlig unattraktive Metalldose. Geöffnet (2. Enthüllung) verströmt sie im ersten Moment einen in der Regel nicht sehr angenehmen Geruch. Und der Inhalt sieht ebenso unappetitlich aus. Weit weg von dem, was wir beim Anblick des Etikettes assoziierten. Doch diese Realwahrnehmungen übergehen wir schnell. Wir erwärmen den Inhalt und bereiten uns eine duftende Mahlzeit zu. Der Duft verweist auf etwas Gutes. Doch in Wirklichkeit sind Konservenmahlzeiten eine besonders nährstoffarme und ungesunde Mahlzeit. Dazu kommt eine unbestimmt grosse Menge an NCA (Neue Chemische Arten von organischen Molekülen) – denn Konserven werden bei über 100 Grad sterilisiert. Wir haben also durch die Doppelerhitzung auf unserem Teller keine gesunde Menschennahrung, sondern streng genommen nur einen grossen Haufen hochdenaturierter organischer Substanzen (3. Enthüllung), die uns neben einem geringen Realnährwert vor allem in unvorhersehbarer Weise belasten und schädigen.
Was wir wirklich essen, und was wir uns einbilden zu essen, sind zwei völlig verschiedene Sachen!

 

Ein weiteres Beispiel: Wir gehen an einer Pizzeria vorbei. Durch ein geöffnetes Fenster strömen uns leckere Düfte entgegen. Es läuft uns das Wasser im Mund zusammen, so fein riecht es. Vor unserem inneren Auge sehen wir schon das Restaurant mit seiner gemütlichen Einrichtung, einer dezenten Beleuchtung und uns selbst vor einer reich belegten Pizza sitzen. Doch real betrachtet haben wir im Moment der Duftwahrnehmung vermutlich nur den erhitzten Oregano gerochen, sowie einen Hauch von öligen Begleitaromen. Den ganzen Rest haben wir uns nur erdacht. Assoziiert. Aus Gewohnheit ergänzt.
Rein körperlich gesehen würden wir vermutlich nur Oregano brauchen, denn bei diesem lief uns das Wasser im Mund zusammen. Und vermutlich würden wir noch nicht einmal den Oregano als Essen, sondern einfach nur als Geruch benötigen (Aromatherapie). Doch unsere Assoziationen befördern uns schliesslich ins Restaurant und zu einer üppigen Mahlzeit, die unser Körper weder in dem Ausmass, noch in dieser Zusammensetzung wirklich benötigt.
Wieder haben wir geträumt, anstatt uns zu ernähren.
Wieder sind wir unseren Vorstellungen und Wünschen erlegen. Anstatt uns real mit dem gerochenen Oregano zu beschäftigen, haben wir ihn als Symbol für etwas anderes (Pizza, Restaurant, Gemütlichkeit) verwendet.

 

Dieses Prinzip zieht sich durch das ganze System der Kochkost: Gekocht essen findet statt im Symbolischen. Definitionsgemäss ist ein Symbol etwas, das auf etwas anderes verweist. Das Etikett der oben erwähnten Konserve verweist auf seinen Inhalt. Aber es ist nicht der Inhalt. Die Dose verweist auf ein Lebensmittel. Aber sie ist nicht dieses Lebensmittel. Der gewärmte Inhalt verweist auf eine nahrhafte Mahlzeit. Aber sie ist es nicht. Indem wir unsere Nahrung real (mit Verpackungen) und irreal (Assoziationen) verhüllen, machen wir aus der Ernährung als Ganzes einen symbolischen Akt.
Die instinktive Rohkost hingegen ist ein realer, unsymbolischer und von Assoziationen freier Akt der reinen Nahrungsaufnahme. Die Dinge der Natur sind nicht verhüllt. Sie sind nackt und unmittelbar. Die Schale einer Mango verweist nicht auf etwas anderes. Sie ist Teil der Mango und sogar essbar. Und wenn wir die Mango mittels Instinkt gewählt haben, so ist auch der Genuss unmittelbar und findet statt ohne eine Belastung des Körpers.
Die Dinge in der Natur sprechen für sich selbst. Sie sind nicht symbolisch: sie sind wahrhaftig.
Aus diesem Grund ist es nicht wirklich möglich, sich im Rahmen einer instinktiven Ernährung mittels rohem Essen zu trösten, aus Sehnsucht oder Wehmut heraus etwas vertraut gutes zu essen. Würde man es dennoch wagen, man hätte schnell eine Sperre. Und damit ein unschönes Esserlebnis – alles andere als tröstlich also. Die rohen Dinge eignen sich nicht für Wunschvorstellungen: Instinktiv roh essen ist Essen im völligen Wachzustand. Während gekocht essen eine verträumte und symbolverhaftete Form der Einverleibung ist, ist instinktive Rohkost einfach nur reine Ernährung.

 

Diese grundsätzliche Unverhülltheit des Rohen steht im Kontext einer ebenso unverhüllten Natur. In der Natur bedeutet Nahrungsaufnahme, den Körper in seinen Funktionen aufrechtzuerhalten. Der Körper braucht weder Trost, noch schöne Erinnerungen. Er lebt und gedeiht ausschliesslich von dem, was richtig ist.
Diese »Nacktheit« der Rohkost wirkt auf den ersten Blick erschreckend und »kaltherzig«. Nicht umsonst wird Rohkost in Sketchen und Cartoons regelmässig karikiert mittels einer einsamen Möhre auf einem weissen Teller – der Inbegriff von Trostlosigkeit und Ungemütlichkeit. Dass Rohkost genussvoll und in irgendeiner Weise »warmherzig« sein kann, erscheint den meisten unvorstellbar. Dieses auf dem unbewussten Gefühl einer Bedrohung (Verlust des Vertrauten) basierende Vorurteil, taucht in vielfältiger Weise auch in den ersten Wochen und Monaten einer Rohkostdiät auf. Die umfassenden Genusserfahrungen mit den rohen Produkten werden immer wieder überschattet von seltsamen Entgiftungen, sehnsüchtigen Erinnerungen, realen Entzugserscheinungen und nie gekannten Ängsten.
Der Körper ist sofort »Fan« von dieser Art zu essen. Denn hier trifft ja Natur auf Natur. Aber die Seele ist noch über viele unsichtbare »Nabelschnüre« verbunden mit der alten Welt. Umso stärker natürlich, je enger der Kontakt mit der Kochkost-Gesellschaft (Arbeitsplatz, Verwandtschaft, Freundeskreis) verbleibt. Immer wieder neigt man daher dazu, von bestimmten rohen Produkten zuviel zu essen, bis hart an die Sperre zu essen, oder weniger ursprüngliche Produkte zu wählen, die keine so sichere Geschmackssperre haben und daher auch annähernd uninstinktiv verzehrt werden können. Irgendetwas in einem traut der Sache nicht so recht. Irgendetwas in einem will dem neuen System die altvertrauten Hüllen überstreifen.

Es dauert in der Regel mehrere Jahre bis man die alten Prägungsmuster mittels der vielen neuen, positiven Ess- und Gesundheitserlebnisse entkräftet hat und sich innerlich für das öffnen kann, was die Instincto-Kinder schon von Geburt an besitzen: Gelassenheit und Nüchternheit im Umgang mit der Nahrungsaufnahme. Und Vertrauen in die enthüllte Wirklichkeit ihrer körperlichen Existenz.
Auf intellektueller Seite mündet Instincto langfristig in eine auf Eigenerfahrung gegründete, weitgehende »Entzauberung der zivilisierten Welt«. Entzaubert wird:

1.    Das verträumte Essen
2.    Die Magie der Medizin
3.    Die Mystik des Schicksals
4.    Die unheimliche Natur.

Und all das nur, weil man roh isst ...
Weil wir roh sind.